Leben mit Migräne (Sylvia Preißler) 

1975 wurde ich in eine Eisenbahnerfamilie geboren. 

Mein älterer Bruder und ich waren von Kind auf mit der Eisenbahn verbunden. Zuerst bei der Pioniereisenbahn, später er als Lokführer und ich Zugbegleiterin.  

Eisenbahner heißt Schichtarbeiter, aber irgendwie habe ich mich damit gut arrangiert. 

Meine Erinnerungen an Migräne beginnen, als ich ca. 10 Jahre alt war. Ich war im Schulhort, hatte Kopf- und Bauchschmerzen, erbrach mich. Wir wollten auf einen Ausflug. Damals wohnte ich an der Straßenbahn Haltestelle und durfte so nach Absprache mit meiner Mutter an diesem Nachmittag zu Hause bleiben. Ich weiß noch, meine Mutter und ich legten uns zusammen hin, weil auch ihr es nicht gut ging. 

Meine Mutter, meine Tochter und ich haben Migräne. Am schwersten betroffen bin ich. Meine Mutter hat trotz der inzwischen Mitte 70 noch immer kleine Attacken. Meine Tochter zum Glück relativ selten. Ich wünsche ihr sehr, dass es so bleibt.  

Ich machte meine Ausbildung bei der Bahn. Arbeitete erst als örtliche Aufsicht, hielt den grünen Signalstab in der Hand. Nach Personalabbau war ich Zugbegleiterin bis zur Geburt meiner Tochter.  

In Schichten zu arbeiten, fand ich damals als junge Frau nicht schlimm. Auch mit Kopfschmerzen. Ich war sehr gut im Verdrängen.  

Erinnern kann ich mich aber, dass ich während einer Zugfahrt immer wieder das WC aufsuchen musste. Heute frage ich mich mehr und mehr, warum tat ich mir diese Qual an?  

Während der Schwangerschaft hatte ich deutlich weniger Migräne. Aber die lange, schwere Geburt löste einen schweren Anfall aus. Damit ich meine Tochter stillen kann, sollte ich keine Medikamente einnehmen. Erst als ich vorm Schwesternzimmer vor Schmerzen und Erschöpfung zusammenbrach, wurde mir ein Flüssigkeits- und Medikamententropf gelegt. Meine Tochter konnte ich da nicht stillen. Zukünftig pumpte ich Muttermilch vorsorglich ab, die sie bekam, wenn Migräne mich vom Stillen abhielt.

Nach der Elternzeit und dem Personalabbau bei der Bahn, begann mein Arbeitsabschnitt als ungelernte Arzthelferin. Wenn man glaubt, Ärzte haben Verständnis, so irrt man sich. Auch hier blieb ich nicht zu Hause, wenn ich Migräne hatte. Selbst am Tag nach einer schweren Attacke mit Tropf und Medikamentencocktail ging ich arbeiten. In dieser Zeit sammelte ich leider die meisten, bitteren Erfahrungen.

Was ich mir dennoch “traute”, waren zwei Rehas in Heringsdorf. Dort bekam ich die HBO, spezielle Sauerstoffbehandlungen. Diese und das ganze Zusammenspiel mit der Kältekammer, Entspannung, laufen am Meer und allgemein raus aus dem Alltag halfen mir damals sehr. Inzwischen bietet die Klinik keine HBO mehr an und Ärzte sind überfordert mit Migränepatienten, was ich sehr bedauere. Ich fühlte mich immer sehr wohl und umsorgt im Haus Kulm. 

Wenn man in einer Arztpraxis arbeitet (und sicher nicht nur dort), muss man funktionieren. Das Team braucht einen. Ausfälle machen sich bemerkbar im Team. 

Ich habe funktioniert. Nicht auf mich geachtet, mich nicht geschont.  

Die schweren Anfälle kamen zum Glück selten und natürlich am Wochenende. 

Inzwischen gehe ich auf die Fünfzig zu. 

Arbeite nicht mehr als Arzthelferin, sondern als soziale Betreuung. 25h im Pflegeheim und zusätzlich rund 5h/Woche im Nebenjob.   

Den Zweitjob kann ich selbst einteilen. Ich sage ihnen ab, wenn ich mich nicht wohlfühle. 

Das ist mein Vorteil, ich entscheide. Der Nachteil an der kleinen Selbstständigkeit, bin ich krankgeschrieben, fehlt mir das Geld. 25h im Pflegebereich reicht nicht für den Lebensunterhalt.  

Wie geht’s mir jetzt?  

Ich war vier Wochen krank, hatte eine Kleinhirnblutung. Ursache unbekannt.  

Jetzt war ich drei Tage arbeiten und bekam nach langer Zeit einen schweren Migräneanfall. Die Imigran Spritze brachte Besserung. Morgen habe ich Spätschicht… 

Seit 5 Monaten spritze ich monatlich Antikörper. 

Die Anfälle haben sich von ca. 15 deutlich auf ca. 7 reduziert. Das ist eine wahre Lebensverbesserung. Leider wirkt das Sumatriptan schlechter. 

Trotzdem fühle ich mich nicht gut. Über Jahre habe ich meinen “persönlichen Papierkorb” gefüllt. Meine Kraft zu kämpfen ist aufgebraucht. Ich fühle mich müde und erschöpft. Der Antrag auf Erwerbsminderungsrente wurde abgelehnt. Ich war nur selten krankgeschrieben.  

Ich habe noch einen weiten Weg vor mir… 

Euch/Ihnen wünsche ich Kraft. Und Mut “nein” zu sagen. Natürlich auch weniger Migräne und verständnisvolle Mitmenschen.